Wolfs KaleidoskopLichterkette in Gedenken an kleine Engel

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Märchenhafte Erzählungen






Das Teekesselchen

oder

Talente hat jeder


Es war einmal.......

ein kleines Teekesselchen, das hatte eine kleine Pfeife mit einem wunderschönen, klaren Ton.
Dieser war nicht so schrill und laut wie der vieler seiner Artgenossen, sondern fein und lieblich. Daher pfiff das Kesselchen mit seinem Pfeifchen auch unsagbar gerne und es machte ihm viel Freude.

Gerade war es wieder auf den Herd gesetzt worden, und es fühlte schon, wie das Wasser in ihm zu brodeln begann. Jeden Augenblick musste sein Pfeifchen nun wieder anfangen, seinen lieblichen Ton von sich zu geben.
Doch ach – das Wasser kochte und brodelte, es spritzte sogar schon unter der Pfeife hervor, aber sein Pfeifchen blieb still und stumm. Kein schöner Ton wie sonst kam heraus, man hörte nur das überquellende Wasser, wie es auf dem heißen Herd aufkam und zischend verdampfte.
Was war denn nur mit dem Pfeifchen?!
Das Kesselchen begann ganz traurig zu werden.
Sein Pfeifchen war kaputt! Es würde wohl nie wieder seinen lieblichen Ton hören können!
Und so war es ganz fest davon überzeugt, nun nie wieder froh werden zu können.

*

Die Familie, in der dass Kesselchen lebte, bildeten Vater, Mutter und ihr Sohn Peter.
Der Vater arbeitete als verantwortlicher Redakteur bei der örtlichen Zeitung, die Mutter war dort – obwohl sie ja Hausfrau und Mutter war – halbtags ebenfalls beschäftigt.
Abgesehen von dem Stress, dem Peters Eltern jeden Tag ausgesetzt waren, hatten die täglichen traurigen Nachrichten und Neuigkeiten aus aller Welt schon dazu geführt, dass sie nicht mehr richtig lachen konnten.
Sie waren meist schlecht gelaunt und gereizt – und dass jetzt auch noch die Pfeife des Kesselchens ihr Leben ausgehaucht hatte, das verdrießte sie noch zusätzlich.
Zumal das Wasser umherspritzte und mit einem Lappen fort geputzt werden wollte; auch musste man sich vorsehen, keine heißen Spritzer abzubekommen!
Doch all der Ärger über die Pfeife unseres Kesselchens konnte sie dennoch nicht dazu bewegen, ein neues Pfeifchen zu besorgen.
Man hatte ja schließlich auch überhaupt keine Zeit!

Jedenfalls gingen Wochen und sogar Monate ins Land, während deren das Kesselchen das Wasser immer ohne ein Pfeifchen, ohne eine lustige Melodie pfeifen zu können, erhitzen musste.
Hätte es ein menschliches Gesicht gehabt, so wäre dies bestimmt schon vor lauter Gram ganz zerfurcht gewesen. Das Kesselchen fühlte sich auch überhaupt nicht wohl, es meinte gar schon, nun bald sterben zu müssen.

*

Peter aber war noch nicht von der schlechten Laune und Reizbarkeit seiner Eltern angesteckt worden und pfiff immer eine fröhliche Melodie vor sich hin, wenn er in die Küche kam.
Wenigstens dann konnte das Kesselchen noch ein Pfeifen hören!
Es war zwar nicht so schön, wie es das Pfeifen seines Pfeifchens gewesen war – nichts gegen Peters Pfeifkünste! -, aber es war doch irgendwie wohltuend, wenigstens dieses Pfeifen hören zu können!
Aber trotz dieser auf eine Art wohltuenden hatte Peters Pfeifen doch auch eine traurig machende Wirkung: Das Kesselchen wurde dann immer an sein eigenes Pfeifchen erinnert und an den Verlust, der es betroffen hatte. Und dadurch bekam es Tag für Tag immer trübsinnigere Gedanken.
Ach – wenn es doch einfach sterben würde!
Das wäre doch wohl das Beste, dachte das kleine Teekesselchen.

*
Eines Tages jedoch fiel ihm ein, dass es vielleicht doch noch Hoffnung haben könnte:
Denn alle sieben Jahre gab es an einem bestimmten Tag im Jahr eine ganz besondere Stunde – die von Mitternacht bis ein Uhr morgens -, in der alle Bewohner der Küche sich bewegen und auch sprechen konnten.
Und nicht genug damit: Da die Menschen die Sprache der Kessel, Löffel, Schüsseln und Becher nicht verstehen konnten, hatten diese in dieser einen Stunde auch die Möglichkeit, die Gedanken der Menschen zu beeinflussen. Sie konnten sie dann sogar auch zu Handlungen bewegen, wenn auch nur in geringem Umfang.
Allerdings mussten diese Menschen dazu auch selbst in der Küche sein.

Und da hatte unser Kesselchen eigentlich noch Glück im Unglück – es war schon weit mehr als sechs Jahre her, dass es sich zuletzt hatte mit seinen Kollegen und Kolleginnen unterhalten können!
In drei Tagen schon würde es nun wieder soweit sein!
In der Hoffnung, dann auch einem der in seinem Haus wohnenden Menschen zu begegnen, fieberte es jener Nacht nun entgegen.......

*
Endlich war es soweit!
Es schlug zwölf Mal vom nahe gelegenen Kirchturm.
Mitternacht!

Schon ging auch die allgemeine Unterhaltung los.
Manche Löffel fingen sogar an, mit den benachbarten Gabeln ein Tänzchen zu wagen...
Doch so recht froh konnte unser Teekesselchen dennoch nicht werden. Denn es vergingen fünf, zehn, fünfzehn kostbare Minuten – aber kein Mensch ließ sich in der Küche sehen!
Für seine Kolleginnen und Kollegen war das natürlich schön, denn diese hätten sich dann sofort wieder auf ihre alten Plätze zurückbegeben müssen. Für unseren kleinen Freund aber war es schon fast eine Marterqual.

Die Zeit verrann, Enttäuschung machte sich bei dem Kesselchen breit. Was hatte es denn schon davon, sich unterhalten und bewegen zu können? Es konnte ja doch den Kugelschreiber neben dem Notizblock nicht dazu bewegen, von selbst Worte aufzuschreiben.
Selbst zu schreiben hatte der nämlich nie gelernt. Er konnte sich immer nur führen lassen.
Und das Kesselchen konnte ihn ja nun mal auch nicht führen. Es hatte ja selbst ebenfalls nicht gelernt, zu schreiben, und außerdem hätte es den Kugelschreiber ja gar nicht halten können – es besaß ja schließlich gar keine Hände!
Darin aber hatte es eigentlich seine einzige Möglichkeit gesehen, wieder zu einem neuen Pfeifchen zu kommen. Nur wenn es seinen Wunsch irgendwie zu Papier bringen könnte, dann, und nur dann hätte es Aussicht, wieder fröhlich werden zu können.
Es war schon alles wirklich sehr, sehr traurig! Bald würde die Stunde vorüber sein, und die Gelegenheit, doch wieder irgendwie zu einem neuen Pfeifchen zu kommen, wäre vertan.

*
Doch halt – näherten sich da nicht Schritte der Küchentür?
Auch die anderen Küchenbewohner hatten sie gehört. Flugs eilten alle an ihre Plätze zurück – und schon öffnete sich die Tür.
Es war Peters Vater, der zwar schon geschlafen, plötzlich jedoch Durst bekommen hatte.
Er wollte daher nur schnell ein Glas Milch trinken.

Und wie er da also vor dem Kühlschrank – gleich neben dem Herd – stand, da machte nun unser Teekesselchen vorsichtig von seinen Möglichkeiten Gebrauch:
Es gab dem Vater ein, den Kugelschreiber zu nehmen und auf den Notizblock zu schreiben:

„Bitte gebt mir doch mein Pfeifchen wieder!“

Diesen Zettel ließ es dann direkt vor sich hinstellen.
Der Vater trank nun wie beabsichtigt seine Milch aus und ging wieder ins Bett.

*

Was war das Kesselchen froh!
Da war – gerade noch rechtzeitig vor Ende der Zeit, denn als der Vater die Küche verließ, schlug es gerade laut ein Uhr vom Kirchturm nebenan – doch noch jemand gekommen!
Es glaubte sich sicher zu sein, dass es keine weiteren sieben Jahre ohne ein Pfeifchen hätte überleben können – nun aber hatte es wenigstens die Aussicht, wieder eines zu bekommen.


Da hatte es wirklich großes Glück gehabt, dass der Vater doch noch gekommen war!
Sicher hätte es sich lieber vom freundlichen Peter als vom griesgrämigen Vater helfen lassen, aber die Hauptsache war, dass es diese so seltene Gelegenheit doch noch hatte nutzen können!
Es gab einen tiefen Seufzer der Erleichterung von sich, so ein großer Stein war ihm von seinem Herzchen gefallen!

*
Am anderen Morgen nun kam zuerst Peters Mutter in die Küche.
Sie bemerkte erstaunt den Zettel, der an das Kesselchen gelehnt war, und rief dem Vater zu: „Du, komm doch mal! Ich habe hier etwas Komisches gefunden!“
Als Peters Vater denZettel ebenfalls gelesen hatte, wunderte auch er sich sehr und versuchte dann herauszufinden, wer den wohl geschrieben haben könnte (er konnte sich nämlich nicht daran erinnern, dass er selbst es gewesen war).
Plötzlich meinte die Mutter: „Du, sag mal – hast D u das geschrieben??? Abgesehen davon, dass der Kessel das ja wohl kaum selbst geschrieben haben kann, kommt mir die Handschrift doch irgendwie sehr bekannt vor – und weder Peters noch meine Handschrift ist dieser hier ähnlich! Na – wie steht´s???“
Peters Vater erkannte nun auch selbst seine eigene Handschrift, beteuerte aber, dass er sich nicht erinnern könne, diesen Zettel geschrieben zu haben.
„Ich weiß nicht, was, aber irgend etwas muss mich dazu gebracht haben.-
Aber ist nicht eigentlich doch richtig, was da steht? Was meinst Du?“
„Ja, du hast Recht“, antwortete die Mutter. „Wir haben uns ja schon so lange geärgert, dass die Pfeife des Kesselchens nicht mehr pfiff. Wollen wir nun also nicht wirklich eine neue Pfeife besorgen?“

*

Bei ihren letzten Worten kam nun auch Peter – fröhlich pfeifend wie immer – in die Küche, hörte die Geschichte –
und schüttete sich geradezu aus vor Lachen!
Sein Lachen war so ansteckend, dass seine Eltern nach und nach mit einstimmten.
So ein herzhaftes Lachen hatte das Haus schon lange nicht mehr gehört!
Peters Eltern merkten auch bald, wie befreiend es doch war.
Sie fühlten sich gleich sehr viel wohler als sonst, und ihr Frühstück schmeckte ihnen nun auch viel, viel besser!
Spontan beschlossen sie, etwas später arbeiten zu gehen und gemeinsam mit Peter (der gerade Ferien hatte) eine neue Pfeife zu besorgen.

So nahmen sie das Kesselchen, gingen in ein Geschäft, das viele andere Kessel und Pfeifchen hatte, und schauten sich mehrere Pfeifchen an, ob eines davon wohl ganz besonders gut zu ihrem Kesselchen passte.
Als sie dann eines gefunden hatten, das sie für ganz besonders schön hielten, kauften sie es gleich und eilten nach Hause, um es sich sogleich auch einmal anzuhören.
Und wirklich – dieses Pfeifchen sah nicht nur sehr schön aus, schöner noch als das frühere, nein, es hatte auch einen wunderschönen hellen, klaren Ton, der dem Ton des alten Pfeifchens sogar ähnlich war!

*

Was war das doch für eine Herz zerreißende Freude für unser Teekesselchen!
Endlich konnte es wieder selber nach Herzenslust pfeifen!
Es gab sich so viel Mühe, ganz besonders schön zu pfeifen, dass es nahezu zerplatzte!

Als Peter und seine Eltern das Kesselchen so pfeifen hörten, fielen sie sogleich wieder in ein großes und herzhaftes Lachen ein.
Unser Teekesselchen aber war wieder so froh und glücklich, dass es die lange Zeit seines Leidens, die Angst, nie mehr pfeifen zu können, gar wohl zu sterben, bald schon vergaß.

*

So geschah es also, dass das Teekesselchen wieder zu seinem Pfeifchen kam und
Peters Eltern den Sinn für das Lachen, die Freude am Leben wiederfanden.
Sie merkten nun, was sie in der ganzen Zeit doch alles versäumt hatten, als sie nicht gelacht, ja das Lachen sogar schon fast velernt hatten!


*******

Warte nicht auf ein Wunder,
das dich zum Lachen bringt,

Bewahre dir dein Talent zu lachen,
denn es steigert deine Lebensfreude!

Vergrabe es aber auch nicht unter
noch so großen Problemen und Falten,
sondern lass es
täglich Zinsen bringen!

Verschiebe es auch nicht auf morgen,
sondern lerne von deinen Kindern:

Kinder wissen,
wie schön,
wie befreiend,
wie verbindend
Lachen sein kann!









A B G E S C H O B E N

oder

Gottes Wege sind wunderbare Wege


Es war einmal ein kleiner Wecker, der fand sich eines Morgens unversehens inmitten von Bücherkartons, Zeitschriftenstapeln, ausgesonderten Schränken und Tischen sowie anderen Dingen dieser Art wieder.
Es war kein schöner Tag – an diesem Morgen war nämlich sein innerer Weckmechanismus entzwei gegangen und so hatte er seiner eigentlichen Aufgabe, die Menschen aus Schlaf und Träumen wieder in die Wirklichkeit zu holen, nicht mehr nachkommen können.

Er war ein sehr schöner Wecker: Er besaß ein großes Zifferblatt mit römischen Zahlzeichen, zwei wie aus Gusseisen gefertigte Zeiger und nannte auch zwei wunderschöne große Glocken sein Eigen, die rechts und links an seinem Kopf angebracht waren.

Obwohl er also so schön anzuschauen war, hatte die Familie, der er sich bis dahin zugehörig gefühlt hatte, sich kurzerhand entschlossen, ihn fort zu werfen, als er sie an diesem Morgen nicht geweckt hatte. Sie hatten nämlich schon recht bald gemerkt, dass nicht sie es gewesen waren, die ihn falsch gestellt oder etwa vergessen hatten, ihn überhaupt anzustellen, sondern dass er sie eben gar nicht hatte wecken können, weil eben seine innere Weckuhr entzwei gegangen war.
Und obwohl er ihnen jahrelang treu gedient hatte, war er es seinen bisherigen Besitzern nicht wert gewesen, ihn zum nächsten Uhrmacher zu bringen, der ihn vielleicht hätte wieder instand setzen können.
Sie würden sich einen neuen Wecker besorgen. Das war einfacher und ging schneller.

Und so stand der kleine Wecker nun im strömenden Regen auf einer alten, etwas wackligen Kommode und wartete auf die Sperrmüllabfuhr. Eigentlich gehörte er dort ja nicht hin, aber seine Familie hatte ihn dann auch sofort loswerden und ganz aus dem Haus haben wollen. Die normale Müllabfuhr würde wohl erst in drei Tagen kommen – für diesen Morgen aber war zufällig ein Wagen der städtischen Sperrgutabfuhr zu erwarten.
Und so hatte man ihn einfach auf die Kommode gestellt, die gemeinsam mit einigen anderen Leidensgenossen bereits seit dem vorigen Abend hier stand.

Wie er da also – wie von einer riesigen Dusche begossen – darauf wartete, abgeholt und auf die große Müllhalde vor den Toren der Stadt geworden zu werden, da zogen die bisherigen Stationen seines kleinen Weckerlebens am geistigen Auge unseres Freundes vorbei.


Er konnte sich nicht mehr so richtig daran erinnern, wie es gewesen war, als er in einer großen Halle zusammengesetzt und eigentlich erst zu einem Wecker geworden war – das war aber auch schon recht lange her. Im Grunde setzte seine Erinnerung erst ein, als er seinerzeit in die Auslage eines großen Kaufhauses gekommen war. Inmitten von vielen anderen Weckern, Tischuhren, Wanduhren und sogar einer Standuhr hatte er da gestanden und sich ausgesprochen wohl gefühlt. Er hatte es genossen, von den vorüber gehenden Menschen bestaunt zu werden – er war aber auch wirklich ein ganz besonders schöner Wecker geworden!

Um diese Zeit herum hatte er dann auch seine spätere Familie zum ersten Mal gesehen. Sie hatten eines Tages vor dem Schaufenster gestanden, die Auslage bestaunt und überlegt, ob sie vielleicht einen Wecker finden würden, der ihnen allen gefiel.
Und dann hatten sie plötzlich alle zugleich auf ihn gezeigt, waren in das Kaufhaus gestürmt und hatten sich ihn aus dem Schaufenster holen lassen.
Zunächst hatte es der Verkäufer wohl abgelehnt, ihn aus der Auslage zu nehmen, aber da seine Kunden so eindringlich darauf bestanden hatten, gerade diesen Wecker mitnehmen zu wollen, er an diesem Tage wohl auch noch nicht allzu viel hatte verkaufen können, da hatte dieser ihrem Drängen nach längerem Zögern schließlich dann doch nachgegeben.

Ja – und das war der Beginn einer im großen und ganzen herrlichen Zeit für unseren kleinen Freund gewesen.
Er hatte im geschmackvoll eingerichteten Schlafzimmer einen schönen Fensterplatz bekommen, von dem aus er nicht nur hatte das ganze Zimmer überblicken, sondern sogar hinaus in den hübsch angelegten Garten schauen können.
Und am schönsten war gewesen, dass er selbst jeden Morgen durch die ersten Sonnenstrahlen geweckt worden war, die ihm mitten ins Gesicht geschienen hatten. So hatte jeder Tag für ihn ganz toll begonnen und er hatte seine Familie dann auch immer zur gewünschten Zeit pünktlich und zuverlässig geweckt.

Sicher war er manchmal auch traurig gewesen – vor allem dann, wenn er sich schon sehr auf das bevorstehende Wecken gefreut hatte, dann aber unvorhergesehen daran gehindert worden war. Seine Familie war nämlich manchmal schon von allein wach geworden und hatte ihn dann kurzerhand einfach abgestellt.
Und wenn er dann durch ein leichtes Knacken deutlich gemacht hatte, dass er jetzt eigentlich hatte nach Herzenslust seine Glocken läuten lassen wollen, dann war er manchmal sogar spöttisch betrachtet oder – im schlimmsten Fall – sogar ausgelacht worden! Das aber hatte ihm sehr weh getan. Denn nicht nur, dass er nicht hatte seiner Lieblingsbeschäftigung und Aufgabe nachkommen dürfen, nein – seine stets treuen Dienste hatten eine solche Behandlung wirklich nicht verdient, so meinte der kleine Wecker.

Ab und zu musste er dann wohl doch ein so trauriges Gesicht gemacht haben, dass selbst die Menschen es bemerkt hatten. Jedenfalls hatte sich diese auch schon einmal bei ihm entschuldigt, wenn ihnen eine spöttische Bemerkung herausgerutscht war. Aber eigentlich waren solche Fälle, in denen er nicht hatte wecken dürfen, sehr selten gewesen.
In aller Regel hatte er seiner Freude über den schönen neuen Morgen immer nach Herzenslust Ausdruck verleihen können. Und das hatte er auch immer von Herzen gern getan.

Und so war es für ihn selbst auch allein schon ein großer und tief gehender Schock gewesen, als er – wie gewohnt – hatte wecken wollen, dann aber feststellen musste, dass dies auch nach noch so vielen Versuchen einfach nicht gelingen wollte.
In der Nacht war wohl die Haupttriebfeder gebrochen.
Eigentlich war es nach so vielen Dienstjahren, in denen nie etwas von dieser Art vorgefallen war, ja auch gar kein Wunder, dass sich der Verschleiß auch mal bemerkbar gemacht hatte. Dass ihn seine Familie aber für seine langjährige Treue einmal so undankbar „belohnen“ würde, das hätte er ihnen nicht zugetraut. Er hatte gedacht, dass sie ihn richtig lieb gehabt hätten.
Aber dem konnte wohl doch nicht so sein, denn dann hätten sie bestimmt versucht, ihn wieder in Stand setzen zu lassen.

Vielleicht hatten sie ja auch nur einen schlechten Tag gehabt, vielleicht hatten sie ja auch große Sorgen bedrückt.... Der kleine Wecker gab sich alle Mühe, sich ihr Verhalten irgendwie erklärbar zu machen.
Aber ob ihm das nun glückte oder nicht – er stand draußen im unfreundlichen und damit seiner Lage nur allzu angemessenen Wetter. Sie würden ihn nicht wieder herein holen, da gab sich unser kleiner Freund keinerlei Illusionen hin....

Was aber würde nun wohl mit ihm geschehen?!
Er hatte gerüchtweise gehört, dass alles, was von der Müllabfuhr fortgebracht werde, letztlich auf einer großen Müllhalde vor den Straßen der Stadt lande, wo es durch andere – schwerere – Gegenstände oder – je nach Lage – durch das gesamte auf ihm lastende Gewicht zerquetscht werde.
Und was dies alles noch überleben sollte, das werde spätestens dann sterben, wenn die Müllhalde abgebrannt werde, was regelmäßig geschehe.

Nicht gerade Trost spendende Aussichten, dachte sich der kleine Wecker.

Und da sah er auch schon einen Wagen langsam Stück für Stück näher kommen, auf den Männer die anderen – wie ihn selbst nicht mehr gebrauchten – Gegenstände nach und nach aufluden – genauer gesagt: hinaufwarfen.
Das musste der Wagen sein, mit dem auch er fortgebracht werden würde. Er sah sich schon ganz zerdrückt auf dem Fahrzeug herumliegen, so, wie die Männer die Sachen behandelten....

Plötzlich jedoch fühlte er sich dann zwar empor gehoben – aber er wurde keineswegs einfach achtlos auf den Wagen geworfen.
Er wagte, seine Augen – die er fürsorglich geschlossen hatte, um sich sein eigenes Ende nicht auch noch mit ansehen zu müssen – einen Spalt breit zu öffnen und blinzelte in die Richtung des Mannes, der ihn empor gehoben hatte.
Dessen Gesicht war nun aber ganz und gar nicht unfreundlich, gelangweilt oder verdrießlich, wie es die Arbeit und das Wetter hätten erwarten lassen können – im Gegenteil. Es hatte einen überraschten und zugleich hoch erfreuten Ausdruck.
„Du, schau doch mal!“ rief der Mann seinem Kollegen zu.
„Was die Leute nicht alles fortwerfen! Sieht der denn nicht noch tadellos aus?
Ich werde ihn mir zu Hause mal genauer ansehen – wäre doch gelacht, wenn ich den nicht wieder hinbekäme! Einen Wecker wie diesen wollte ich immer schon haben!“
Sprach´s und packte den verdutzten kleinen Wecker, der noch gar nicht an einen guten Ausgang glauben konnte und wollte, flugs vorne im Führerhaus des Wagens in seine Tasche – gleich neben sein Frühstücksbrot und die Thermoskanne mit heißem Kaffee.

Wäre unser kleiner Freund ein Mensch gewesen – er hätte sich jetzt ganz bestimmt gerne zwicken lassen, um festzustellen, ob er wohl träume oder ob das wirklich alles wahr war, was er da sah, hörte – und fühlte.
Denn von der Thermoskanne ging eine wohlige Wärme aus, die ihn durchströmte und den Regen schon ein wenig vergessen ließ. Er konnte einfach noch gar nicht richtig an sein Glück glauben.
Da war – gerade als er sich schon ganz aufgegeben, schon geglaubt hatte, sich sein weiteres Schicksal sehr genau ausmalen zu können – ein wildfremder Mensch gekommen, der ihn offensichtlich nicht so einfach abschrieb wie es seine – ihm bis dahin doch so vertraute – Familie getan hatte, ja, der ihn sogar selbst untersuchen und instand setzen wollte!
Und dass er dies auch schaffen würde, dessen war sich der kleine Wecker ganz gewiss. Denn er wusste ja, dass eigentlich gar nicht so viel zu tun war, ihn wieder seine Aufgaben erfüllen zu lassen.

Es war doch wirklich gut gewesen, dass die normale Müllabfuhr erst in drei Tagen gekommen wäre und er daher dem Sperrmüll zugesellt worden war!
Mitten unter dem anderen Hausmüll hätte ihn bestimmt niemand bemerkt.
Und auf diese Weise hatte sein schönes Aussehen nicht nur dazu geführt, dass er lange glückliche Jahre in seiner bisherigen Familie hatte verbringen können – auch wenn diese Zeit mit einem großen Wermutstropfen zu Ende gegangen war -,
sondern es hatte sich sogar jetzt noch ausgewirkt, als er eigentlich schon so gut wie tot gewesen war. Dies zumindest geglaubt hatte.

Und nun hatte er überdies sogar noch Aussicht, wirklich lieb gehabt zu werden!

Denn dadurch, dass ihm ein Mensch begegnet war, der ihn selbst instand setzen würde, würde dieser ihn noch mehr lieb gewinnen können. Die Mühe, die sein neuer Besitzer darauf verwenden würde, ihn wieder in Gang zu bringen, würde die Bindung an ihn von Anfang an sehr tief werden lassen. Viel tiefer als die Bindung seiner bisherigen Besitzer an ihn, die sich als Strohfeuer erwiesen hatte, da sie ihn offensichtlich doch wohl nur als reinen Gebrauchsgegenstand angesehen hatten, der – einmal nicht mehr zu gebrauchen, wenn ihm auch nur wenig fehlt – einfach fort geworfen wird.
Für seinen neuen Besitzer aber würde er wesentlich wertvoller sein, er würde ihn nicht so einfach abschreiben, dessen war sich unser Freund ganz sicher.

Als der kleine Wecker nun durch einen Spalt der Tasche lugte, da sah er verwundert, dass es nicht mehr regnete, sondern dass die dicken schwarzen Regenwolken hellen weißen Wölkchen Platz gemacht hatten, durch die am strahlend blauen Himmel die Sonne warm und freundlich schien.

Was für ein herrlicher Tag!







Die kleine Lok IVOR


Es war einmal ...

eine kleine Lok, und die hieß Ivor (sprich: Ei-wor).
Ivor war genau genommen keine wirkliche Lokomotive, sondern eine von diesen kleinen, aus Holz geschnitzten, und sie nannte drei Anhängerchen ihr Eigen.
Und doch ist es ja so, dass, sobald ein vielleicht zuvor unansehnliches Stück Holz eine Form annimmt, dieses damit immer zugleich auch eine Seele bekommt, ein Leben. Ohne dass dies aber freilich normalerweise dem, der das Stück Holz bearbeitet, bewusst wird. Nur einige wenige Menschen, die sich so richtig auf die Kunst des
Holzschnitzens verstehen, wissen um dieses Geheimnis.

Ivor nun war durch die Hand eines sehr feinfühligen Menschen entstanden, dem sehr wohl bewusst war, dass er nicht nur ein Stück Holz bearbeitete, sondern ein Lebewesen erschuf. Und so war sein Verhältnis zu der kleinen Lok von Anfang an sehr eng gewesen. Doch dann war der Mann eines Tages durch einen Unfall ums Leben gekommen und Ivor war zusammen mit vielen anderen Kunstwerken aus seiner Hand an einen Trödelladen abgegeben worden, denn die Erben des Mannes wussten nicht um das Geheimnis der Kunstwerke, die er geschaffen hatte.

Sicher, in der neuen Umgebung war es irgendwie ganz gemütlich, aber es fehlte Ivor doch an der menschlichen Bezugsperson. Mit all den anderen Lokomotiven, Katzen, Hunden und auch Würfeln, die für die meisten Menschen alle nur ein totes Stück Holz waren, konnte sie sich normalerweise nicht unterhalten wie mit dem Mann, der sie geschaffen hatte. Mit ihm hatte sie sich nämlich jeden Tag unterhalten können, weil er ja ihre Sprache verstehen konnte. Ihre Leidensgenossen aber konnten das nicht. Sie hatten jeder seine Sprache für sich.
Nur ein Mal alle sieben Jahre, da gab es eine kurze Zeit, in der sie plötzlich alle in derselben Sprache reden und sich auch bewegen konnten.

Ivor vermisste die täglichen Gespräche, auch die menschliche Wärme wirklich sehr, und das umso mehr, je länger sie da in dem Trödelladen stand. Mit der Zeit wurde sie auch schon ganz traurig, denn auch wenn jeden Tag andere Menschen, andere Gesichter ihre neue Heimat aufsuchten, so konnten diese ihr die fehlenden Gespräche und die so arg vermisste Wärme doch nicht ersetzen, auch wurde es langsam etwas eintönig.
Wenn man nämlich immer nur auf seinem Platz stehen bleiben muss und sich noch nicht einmal unterhalten kann, dann ist das ja aber auch wirklich sehr langweilig!
Ein kleiner Trost war ihr nur, dass bald die Nacht kommen würde, in der sie sich alle würden unterhalten und auch von der Stelle bewegen können.
Das würde bestimmt wieder schön werden, so dachte die kleine Lokomotive.

**************

Endlich war es soweit!
Gerade schlug es zwölf Mal vom nahe gelegenen Kirchturm. Mitternacht!
Ei, was war das für ein Spaß! Die kleine Lok fuhr langsam an und kam bald schon schön in Fahrt. Das Brett, auf dem sie fuhr, war nicht sehr lang, und so musste sie bald schon wieder heftig abbremsen, wollte sie nicht hinunterfallen. Doch das machte ihr nichts aus – sie freute sich unbändig, sich wieder einmal von der Stelle rühren zu können.
Und wie laut es geworden war!
Alle redeten wild durcheinander, alle waren so froh, wieder einmal etwas sagen zu können, dass jeder einfach darauflos redete. Sie konnten sich jetzt zwar alle in derselben Sprache verständigen, aber in diesem heillosen Durcheinander verstand trotzdem kaum einer etwas von dem, was der andere sagte. Doch auch das war eigentlich allen egal.
Hauptsache war, sie alle konnten ihrer Seele wieder einmal von Herzen Luft machen!

Doch was war das?!
Da hatte sich doch plötzlich eine menschliche Stimme miteingemischt!
Menschen sprechen nämlich in anderen Tonlagen, und so waren sie auch in der größten Unruhe leicht herauszuhören. Es war der kleine Hendrik, der kurz vor Ladenschluss mit einer ganzen Gruppe kleiner Jungs in das Geschäft gestürmt und dann - unbemerkt vom Inhaber und selbst von seinen Freunden – in einer Ecke eingeschlafen war. Durch den Lärm und das Getöse aber war er wach geworden, rieb sich einmal, zweimal und selbst ein drittes Mal verwundert die Augen und merkte, dass das alles doch kein Traum war, was er da sah und hörte. Hendrik erblickte dann auch Ivor, die ihre Aufmerksamkeit ganz auf ihn gerichtet hatte.

Er näherte sich ihr zögernd und fragte sie: „Kannst Du wohl auch reden wie die anderen?“ „Sicher“, antwortete Ivor, „jetzt sowieso.“
„Ich habe geglaubt, das gibt es nur im Märchen“, meinte Hendrik und rieb sich ein weiteres Mal verwundert die Augen.
„Wie Du siehst, gibt es das auch in Wirklichkeit. Aber die Menschen können uns zumeist nicht verstehen. Und uns miteinander unterhalten und von allein von der Stelle bewegen können wir uns auch nur einmal alle sieben Jahre.“
„Komisch, ich kann noch immer nicht glauben, dass ich mich gerade mit einer kleinen Holzlokomotive unterhalte“, meinte Hendrik dann und fragte:
„Wie heißt Du denn? Hast Du auch einen Namen?“
„Natürlich“, entgegnete Ivor, „mein Meister – wie ich ihn nannte – hat mich
immer „Ivor“ genannt. Und wie heißt Du?“

„Ich heiße Hendrik. Hast Du wohl Lust, mit mir nach Hause zu kommen?“
„Ja“, antwortete Ivor, „sehr gerne. Da Du mich jetzt verstehen kannst, gehörst Du wohl zu den wenigen Menschen, die uns überhaupt verstehen und sich mit uns unterhalten können – auch wenn wir nicht gerade „unsere Zeit“ haben. - Siehst Du das Brett dort an der Wand? Dahinter hängt noch ein Schlüssel, der in die Tür passt und mit dem Du sie öffnen kannst. Ich habe einmal gesehen, wie der Mann, dem dieses Geschäft gehört, ihn dort hingehängt hat.“

Hendrik nahm Ivor nun behutsam in seine Hände, steckte sie dann sacht in seine Manteltasche und angelte nach dem Schlüssel. Da er nicht gleich an ihn herankam, zog er sich einen kleinen Schemel heran und – schwups – hatte er ihn schon in der Hand.
Draußen war es mittlerweile schon sehr kalt geworden, und so beeilte er sich nur noch mehr, endlich nach Hause zu kommen, wo ihn seine Mutter schon sehnsüchtig und voller Angst erwartete. Nachdem Hendrik ihr erzählt hatte, wo er gewesen und was er erlebt hatte, dass er eingeschlafen und dann mitten in der Nacht plötzlich erschrocken aufgewacht war, weil er sich in einer fremden Umgebung wiedergefunden hatte, bekam er noch schnell eine Tasse mit heißer Milch. Dann wurde er gleich in sein schönes, warmes und molliges Bettchen gesteckt.

********************

Von seinem kleinen Geheimnis aber hatte Hendrik seiner Mutter nichts erzählt. Diese wunderte sich am nächsten Morgen wohl über die kleine Lokomotive, die neben Hendrik auf seinem Kissen lag, dachte sich aber gleich, dass er sie wohl aus dem Geschäft mitgenommen haben musste. Lächelnd verließ sie darauf wieder sein Zimmer. Etwas später dann ging sie bei dem Trödelladen vorbei und bezahlte still schweigend den Kaufpreis für Ivor, nachdem sie dem Inhaber erzählt hatte, was geschehen war.

Und so kam es, dass Ivor wieder einen lieben Menschen fand, mit dem sie sich unterhalten konnte, und Hendrik einen ebenso lieben kleinen Spielgefährten bekam. Jetzt brauchte er nicht mehr so viel allein zu spielen, wenn seine Mutter arbeiten ging; den Jungs nämlich vom gestrigen Abend hatte er sich auch nur rein zufällig angeschlossen.
Und wenn Hendrik sich noch etwas von seinem Kind-Sein bis in sein Erwachsenen-Leben hinein bewahrt hat, dann können die Beiden noch heute miteinander reden.......


***********************






Jeder braucht einen Platz,
wo er hingehört

Ein Märchen für
kleine und große Menschen


„Jeder braucht einen Platz, wo er hingehört...“,

wehte leise eine samtene Stimme von irgendwo durch die Luft. Jemand musste sein Autoradio angestellt haben. Bertha Hustendonk seufzte. Ein Platz, wo sie hingehörte. Ein Zuhause. Ja, das wünschte sie sich auch. Was machte sie überhaupt hier? Hier in dem großen Papierkorb mitten auf dem Parkplatz des Supermarktes? Wie kam sie überhaupt hierhin?
Bertha versuchte sich zu erinnern.

Am Morgen dieses Tages war alles noch normal gewesen – sie stand auf dem Arbeitstisch von Josef Breukmann, dem Mann, der sie geschaffen hatte. Josef war Tischler und verstand sich in unnachahmlicher Weise auch aufs Holzschnitzen. Und sie, Bertha, hatte die Gestalt eines großen, hübsch gezeichneten Schweines und trug ein Uhrwerk mitten auf ihrem fetten Körper. Bertha war also eine Schweine- Uhr.
Oder besser ein Uhren- Schwein. Sie selbst sah sich eher so, denn immerhin war sie ja aus Holz entstanden, das Uhrwerk war ihr erst später aufgesetzt worden.
Und natürlich war Bertha ein Einzelstück, wie ihr Josef erzählt hatte. Nirgendwo auf der ganzen Welt gab es noch so eine schöne Schweine- Uhr, aus hellem Buchenholz geschnitzt, wie sie es war.
Und dieses Bewusstsein machte sie ganz stolz!

Josef aber, der sich so toll aufs Holzschnitzen verstand, hatte nicht nur noch andere wie lebend aussehende Gegenstände aus seinen Händen gezaubert – nein, er hatte ihnen allen auch eine Seele eingehaucht.
Und so konnte Bertha denken, fühlen, riechen, sogar ein wenig schmecken (wenn Josef ihr manchmal ein Stück Brot an ihr Maul hielt) – und reden.
Sie liebte es vor allem, sich mit Josef zu unterhalten, der ihr von der großen weiten Welt erzählte, die er schon bereist und wo er das Holzschnitzen so vortrefflich gelernt hatte.
Aber auch mit seinen anderen Geschöpfen, ihren Brüdern und Schwestern, plauderte sie für ihr Leben gern!

So war es wirklich ein schönes Leben für Bertha gewesen, bis – ja, bis eines Nachts plötzlich Einbrecher kamen und alles, was sie sahen, blitzschnell in einem großen Sack verschwinden ließen, den sie bei sich hatten. Durch den Lärm, den sie machten, weckten sie Josef. Dieser wollte sie daran hindern, dass sie seine ganze Werkstatt ausräumten und Bertha und seine anderen Geschöpfe mitnahmen. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem Josef unglücklich fiel und bewusstlos wurde.
Die Einbrecher stoben nun davon, schmissen sich in ihr Auto, mit dem sie schließlich auf den Parkplatz des Supermarktes fuhren. Hier entleerten sie den Sack, teilten, was sie behalten wollten, und warfen den Rest achtlos in den Papierkorb. Auch Bertha.

Diese schrie aus Leibeskräften – aber niemand hörte sie, selbst die Einbrecher schenkten ihr keinerlei Aufmerksamkeit. Da merkte Bertha Hustendonk, dass ihre Sprache nur besondere Menschen wie Josef verstehen konnten. Menschen, die feinfühlig waren und in ihr nicht nur irgend ein Stück Holz sahen, sondern das Kunstwerk in ihr entdeckten. Und den Grund, warum sie einmalig war: Dass sie eine Seele hatte. Und, was Bertha noch nicht wusste: Josef hatte auf seiner Wanderschaft durch die Welt auch gelernt, seinen Kunstwerken, die er schuf, die Eigenschaft mit auf den Weg zu geben, dass sie für den, der sie verstand und ihren Wert erkannte, alles zum Guten werden ließen.

Die Einbrecher aber waren keine solchen Menschen, das merkte sie schnell.
Was sollte nun aus ihr werden? Sie wusste nicht, was sie machen sollte. Josef war ja wohl gestorben, wie sie befürchtete. Wie sollte sie jemals wieder einen Menschen wie ihn finden? Bertha verzweifelte und überließ sich ihren Tränen, die dick und rund aus ihren knopf- förmigen Schweine- Augen kullerten....

Da fiel ihr ein, dass Josef immer auf ein Kreuz an der Wand geblickt und gebetet hatte.
„Ich telefoniere mit Gott“, hatte er immer gesagt, wenn sie gefragt hatte, was er da machte. Kurz entschlossen versuchte Bertha dasselbe zu tun, was sie bei Josef immer gesehen hatte. Sie rief aus tiefstem Herzen: „Gott, an den sich Josef immer gewendet hat – wenn du auch für mich armes, einfaches, aber doch einzigartiges Holzschwein zuständig bist, dann hilf mir bitte!“
Darauf verfiel Bertha nach kurzer Zeit in einen unruhigen Schlaf.

*

Anna- Lisa hatte unruhig geschlafen an diesem Morgen und wurde sofort hellwach, als ihre Tante sie weckte. Seit ihre Eltern bei einem schrecklichen Unfall gestorben waren, lebte sie bei ihr. Diese hatte sie aber höchst ungern bei sich aufgenommen, eigentlich mochte sie keine Kinder. Nur auf Drängen ihrer alten Mutter, Annas Oma,
war sie schließlich dazu bereit gewesen. Und das spürte Anna. Jeden Tag. Immer wieder. Daher ging sie nach der Schule meist nicht gleich zurück, sondern verbrachte ihre freie Zeit lieber allein irgendwo. Auch von ihren neuen Klassenkameraden fühlte sie sich noch nicht angenommen, sie behandelten sie wie eine Fremde. Die sie ja auch war. Vielleicht taten sie es deswegen, weil sie ja im Gegensatz zu ihnen keine Eltern mehr hatte. So dachte Anna manchmal.

Nach einem kurzen Frühstück lief sie nun wie immer allein zur Schule.
Auf dem Weg dorthin musste sie auch an dem großen Parkplatz vor dem Supermarkt vorbeigehen. Heute aber lief sie nicht daran vorbei, sondern lenkte ihre Schritte wie von Geisterhand gezogen – sie wusste selbst nicht, warum – zu dem Papierkorb, in dem Bertha gerade von einem lauten Motorgeräusch unsanft geweckt worden war.

Anna erblickte Bertha – Bertha sah in Annas Augen – es war Liebe auf den ersten Blick. Bei beiden. „Kannst du mich verstehen?“, fragte Bertha zögernd. „Ja – aber wer spricht denn da?“ entgegnete Anna erstaunt. „Ich bin´s, das Holzschwein mit der Uhr auf dem Bauch“, meinte Bertha. „Das finde ich aber toll, dass du mich verstehst! Wie heißt du denn?“ „Anna- Lisa, aber von meiner Oma werde ich nur Anna gerufen – und du?“
„Ich heiße Bertha, Bertha Hustendonk. Aber Josef hat mich immer nur Bertha genannt.“ „Ich glaub´s einfach nicht, dass ich gerade mit einem Holzschwein spreche, das auch noch Bertha Hustendonk heißt!“ Anna kicherte.
Aber dann erzählten sich beide ihre Geschichte und was sie erlebt hatten. Und da sie sich beide sehr mochten, steckte Anna Bertha schnell in ihre Schultasche und lief eilig zur Schule.

Den ganzen Vormittag konnte sie sich nicht richtig konzentrieren und gab falsche Antworten, wenn sie etwas gefragt wurde. Aber Anna spürte, dass ihre Klassenkameraden sie anders ansahen als sonst. War es, weil sie irgendwie viel offener auf sie zuging an diesem Morgen?
Über diesen Gedanken verging die Schule dann doch recht schnell und Anna lief mit ihrer neuen Freundin gleich nach Hause. Sonst hatte sie immer noch Umwege gemacht.
„Wieso kommst du so früh, Anna- Lisa?“, fragte ihre Tante. „Hattet ihr früher aus heute?“ „Nein, wie immer, Tante. Ich bin nur gleich nach Hause gelaufen, weil ich dir etwas zeigen möchte.“ Mit diesen Worten zog sie Bertha aus ihrer Schultasche.

„Das ist Bertha. Bertha, das ist meine Tante. Ich hab sie heute morgen im Papierkorb des Supermarktes gefunden. Darf ich sie behalten?“
Ihre Tante wunderte sich gar nicht über den Namen, die blühende Phantasie des Kindes war ihr schon häufig aufgefallen. „Lass mal sehen, Kind – das ist aber wirklich sehr gute Handarbeit! Und dazu noch dieses Uhrwerk! Toll! Und das lag einfach im Papierkorb? Was machst du eigentlich auf dem Parkplatz bei diesem Papierkorb?“
„Ich weiß auch nicht, Tante, ich hatte das Gefühl, ich musste einfach dorthin gehen. Und da sah ich Bertha. Weil sie mir auf Anhieb sehr gefiel, hab ich sie mitgenommen.
Darf ich sie behalten?“, wiederholte Anna ängstlich ihre Frage.

„Ich werde mal nachforschen, wie deine Bertha in den Papierkorb gekommen ist – und bis ich mehr weiß, darf sie gerne bei uns bleiben. Komm, wir stellen sie in der Küche aufs Fensterbrett, dann kann sie hinaus in den schönen Garten schauen.“

Und so kam es, dass Bertha ein neues Zuhause fand, wo sie sich wieder wie früher unterhalten konnte. Die Tante fand in den kommenden Tagen heraus, was mit Bertha geschehen war. Denn die Tageszeitung berichtete von dem Überfall und was alles aus der Werkstatt von Josef Breukmann gestohlen worden war. Dieser war übrigens gar nicht ernstlich verletzt worden, nur ohnmächtig gewesen.
Als ihre Tante den Vorschlag machte, doch gemeinsam mit Bertha den Überfallenen zu besuchen, freute sich Anna – und war zugleich tief traurig: Denn sie fürchtete, dass sie Bertha wieder hergeben musste. Josef würde sie bestimmt zurückhaben wollen!
Dennoch begleitete sie ihre Tante gerne. Als sie ankamen, wollte Josef erst seinen Augen nicht trauen: Das war ja Bertha, seine Bertha! Sie war gesund geblieben! Und das Mädchen, das sie im Arm hatte, hatte so schöne, etwas traurige Augen. Er verstand sofort. „Nein“, sagte er, „Mädchen, Du brauchst keine Angst zu haben. Lass mich mal ein paar Minuten mit Bertha alleine!“ Er nahm Bertha in seine Hände und ging ins Nebenzimmer. Diese war so froh und konnte nicht glauben, dass Josef wirklich noch lebte, dass ihr wieder ganz dicke Tränen aus ihren runden Schweineaugen quollen!
Diesmal aber vor lauter Freude!

Sie erzählte, was ihr geschehen war, auch dass Anna ein ganz, ganz liebes Mädchen war, das sie auch verstehen konnte. Und dass sie nun unsicher war, wo sie lieber bleiben wollte, weil sie beide, Anna und Josef, doch lieb hatte!
Josef gab ihr einen Kuss auf ihre Nasenspitze und meinte: „Geh du nur mit Anna mit! Ich weiß ja, dass es Dir bei ihr gut geht. Und es kann kein Zufall sein, dass sie Dich gefunden hat, daher bin ich überzeugt, dass Du ihr irgendwie helfen kannst! Warte ab, wir sehen uns schon wieder!“ Insgeheim dachte er, dass er nicht nur Bertha liebte, sondern dass er sich auf der Stelle in Anna und sogar in ihre Tante verliebt hatte, als er sie gesehen hatte! Daher war er überzeugt, dass er Bertha mit Sicherheit bald wiedersehen würde!
Er ging zurück ins andere Zimmer, wo Anna und ihre Tante etwas ängstlich auf die beiden warteten. Sofort drückte er Berta in Annas Hände und sagte zu ihr: „Anna, ich habe gehört, dass Du so ein liebes Mädchen bist und Dich mit Bertha auch unterhalten kannst – nimm sie ruhig wieder mit! Sie wird es gut bei Euch haben! Wenn ich darf, komme ich Euch gern ab und zu besuchen, darf ich?“

„Aber gern, sehr gern sogar!“ Anna und ihre Tante riefen das zugleich aus, wie aus einem Munde. Da merkte Anna, dass diese gar nicht so schrecklich war, wie sie immer gedacht hatte. Oder hatte sie sich verändert? Anna wusste es nicht. Aber sie fühlte sich plötzlich wohl in der Gegenwart ihrer Tante.
Und diese hatte plötzlich festgestellt, dass sie auch verstehen konnte, was Bertha sagte. Zunächst hatte sie ja geglaubt, dass das Kind mal wieder eine reiche Phantasie gehabt hatte, jetzt aber wusste sie plötzlich, dass Bertha wirklich ein besonderes Uhren- Schwein war!

Josef besuchte die drei wirklich oft in nächster Zeit. Dabei kamen sich er und die Tante mit der Zeit immer näher und merkten, dass sie sich gern hatten. Dass er sich in die Tante verliebt hatte, das wissen wir ja schon – aber jetzt merkte auch die Tante, dass sie es mochte, wenn Josef da war.

Auch in der Schule bekam Anna nun plötzlich viele Freundinnen und Freunde, die sie mit nach Hause brachte und denen sie Bertha zeigte, wie sie da ganz glücklich auf dem Küchenfensterbrett stand und hinausschaute in den blühenden Garten. Dass Bertha ihren Teil dazu beigetragen hatte, das wusste sie freilich nicht. Sie genoss es nur, nicht mehr immer allein da zu stehen, sondern oftmals sogar im Mittelpunkt, weil alle gern von ihr nach Hause eingeladen werden wollten...

„Jeder braucht einen Platz, wo er hingehört...“, hatte Bertha von irgendwo her gehört.
Aber da wusste sie noch nicht, dass nicht nur sie selbst, sondern auch Anna, die Tante und ihr Josef ein neues Zuhause finden würden.

Sie hatte nur darum gebetet, Hilfe zu bekommen.


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Bearbeitet zuletzt am 11.05.2005




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