Wolfs KaleidoskopLichterkette in Gedenken an kleine Engel

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Erzählungen und Kurztexte







ARPAD


Laura K. war in großer Sorge. Auch kleine Mädchen von acht Jahren können schon große Sorgen haben. Denn Arpad, ihr kuscheliger Berner Sennenhund, war plötzlich verschwunden.

Sie hätte sich wohl ablenken können - wenn sie wollte, dürfte sie einige Freundinnen zu einer kleinen Party in den weitläufigen Bungalow einladen, in dem sie wohnten, sie konnte auf Benji, ihrem Shetland— Pony, gleich hinter dem Haus ausreiten oder ihn auf seiner Weide besuchen und einfach nur streicheln, sie konnte sich von Frederic, dem Chauffeur ihrer Eltern, auf einen Einkaufsbummel in die Stadt fahren lassen. Aber das war alles nichts gegen die Nähe Arpads, mit dem sie so wundervoll herumtollen und spielen konnte.

Ein Schwesterchen oder Brüderchen hatte sie auch nicht - ihrer Mutter hatte sie zwar schon oft damit in den Ohren gelegen, dass sie sich eines wünsche, aber die hatte darauf stets nur mit traurigen Augen gemeint, der Klapperstorch sei mal wieder an ihrem Haus vorbeigeflogen. Und so war Arpad ihr Frend, der immer für sie da war, und das schon seit ihrer Geburt.

Wo konnte er nur sein? Noch nie war er fortgelaufen, das kannte sie gar nicht an ihm. Auch ihre Eltern konnten sie nicht trösten, auch nicht damit, dass sie eine Suchanzeige in die Zeitung setzen wollten. Laura vermisste Arpad sehr...

*

Für Oliver W. war das Leben im Heim wie jeden Tag. Seit acht Jahren schon lebte er hier, schon mehrere Pflegeeltern waren gekommen, aber für die meisten von ihnen war er letztlich mit seinen mittlerweile neun Jahren schon zu alt. Sie wollten alle jüngere Kinder adoptieren, am liebsten Babies. Und die Elternpaare, die sich für ihn interessiert hatten, die mochte Oliver nicht.

Auf dem Weg von der Schule, den er lustlos zurück zum Heim schlenderte, sah Oliver plötzlich einen großen Hund, der vor einem Jägerzaun saß und auf ihn zu warten schien. “Komm, spiel mit mir!“ schien ihm das Tier mit seinen hellen, freundlichen, braunen Augen zuzurufen.

“Ja, wer bist Du denn?“ fragte Oliver. “Klar, Du kannst ja nicht reden. Wollen wir etwas zusammen spielen?“

Gleichsam als Antwort sprang der Hund auf und lief auf eine nahe gelegene Wiese, wo er offensichtlich wieder auf Oliver wartete. Und so tollten die beiden auf der Wiese herum und die schlechte Laune des Jungen war schon bald verflogen.


“Wie wär‘s, wenn Du bei mir bleibst, Hund?“ fragte Oliver. Der Hund wedelte mit dem buschigen Schwanz und bellte zustimmend. “Dann brauchen wir aber noch ein Halsband für Dich!“ Oliver hatte bemerkt, dass das Tier keines trug, auch wenn es sonst sehr gepflegt war.

Also lief Oliver in ein großes Kaufhaus, das auch eine Tierabteilung hatte, wie er wusste, wobei ihn der Hund auf Schritt und Tritt begleitete.

In der Abteilung angelangt stellte Oliver fest, dass sein Geld nicht ausreichte, ein Halsband für seinen neuen Freund zu kaufen. Also sah er sich kurz um, ob ihn auch niemand beobachtete, und - schwups - hatte er eines unter seiner Jacke verschwinden lassen.

Eine Verkäuferin hatte das zwar über einen Spiegel ganz genau gesehen, wollte erst auch schon eingreifen und den Jungen zur Rede stellen, dann aber erfasste sie intuitiv die Situation und entschloss sich, den Jungen mit seinem Hund laufen zu lassen - und das Geld für das Halsband legte sie sogar aus eigener Tasche in die Kasse.

Draußen vor dem Kaufhaus stand jetzt ein alter Mann, Antonio S., in einem Clownskostüm mit einem Esel an der Hand. Sie warben für einen kleinen Wanderzirkus, “Zirkus Henry“, der gerade in der Stadt seine Zelte aufgeschlagen hatte. Auch bat er die Vorüberhastenden um kleine Spenden für das Essen der Tiere.

Oliver blieb stehen, legte seinem Gefährten das neue Halsband um und sagte zu ihm: “‘Henry‘ ist ein schöner Name, so werde ich Dich jetzt nennen!“ Der Hund bellte wieder zustimmend.

Da Oliver wusste, dass er mit Henry nicht ins Heim konnte, er sich von ihm natürlich auch nicht wieder trennen mochte, beschloss er, einfach auszureißen. Und da schien ihm der Mann mit dem Esel ein Wink des Himmels zu sein.

Er stellte sich Antonio vor: “Ich bin Brian (er hatte mal von jemandem gehört, der so hieß) - und das hier ist Henry, mein schlauer Hund. Dürfen wir wohl bei Dir bleiben?“

Antonio hatte in seinem Leben schon viele, viele Menschen kennengelernt, und so erkannte er gleich, dass Oliver ausgerissen sein musste. Aber besser, ihn erst einmal mit sich in den Zirkus zu nehmen, vielleicht würde der Junge noch mehr von sich erzählen, wenn er erst einmal Vertrauen gefasst hätte. Zustimmend nickte er also und entgegnete: “Henry heißt Dein Hund? Dann m ü s s t Ihr ja mitkommen! Mein Zirkus heißt ja auch so, wie Du siehst. Vielleicht kann Dein Hund ja sogar ein kleines Kunststück - das kann ich für mein Programm noch gut gebrauchen!“

Und so schlossen sich Oliver und Henry, der eigentlich Arpad hieß, Antonio und seinem Esel “Rosinante“ an und blieben erst einmal bei dem kleinen Zirkus. Nach ein paar Tagen hatte Oliver seinem Hund sogar wirklich ein kleines Kunststückchen beigebracht und trat mit ihm als “Brian & Henry“ in der kleinen Manege auf.

*

Da Oliver bis zum Abend nicht ins Heim zurückgekehrt war, hatte die Heimleitung gleich die Polizei benachrichtigt und ihn als vermisst gemeldet. Da in der letzten Zeit öfter Verbrechen gerade an kleinen Kindern begangen worden waren, nahmen die Beamten auch sofort die Ermittlungen auf. Die Heimleiterin hatte ihnen noch sagen können, dass Oliver gern Tiere und die Natur mochte, und so kämmten sie den ganzen Wald in der Nähe der kleinen Stadt, aber auch den Zoo durch, ob er sich etwa dort irgendwo bei den Elefanten oder Affen versteckt hätte. Da die Suche vergeblich blieb, bezogen sie auch den Wanderzirkus mit ein und befragten Antonio, ob er einen kleinen Jungen gesehen habe (von dem Hund wussten sie ja nichts).

Antonio dachte sich zwar gleich, dass es sein “Brian“ war, der da gesucht wurde, und wusste nun immerhin Olivers richtigen Namen, aber er hielt zu ihm und verriet nicht das Versteck, in dem sich Oliver und Henry aufhielten. Nein, einen kleinen Jungen, auf den die Beschreibung passe, habe er leider nicht gesehen, antwortete er den Beamten.

*

Während die Polizei nun anderenorts weitersuchte und -forschte, die Ermittlungen auch bald an die nächstgrößere Stadt abgab, saß Laura mit tränenüberströmtem Gesicht zu Hause und wollte sich durch nichts trösten lassen. Arpad war nicht nur noch nie weggelaufen, er war auch stets bei ihr gewesen, vor allem am Abend. Ihr Magen war wie zugeschnürt, sie konnte gar nichts herunterbringen.

Gut, morgen würde die Anzeige ganz groß in der Zeitung stehen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer glomm in Lauras traurigem Herzen auf. Vielleicht würde sie ihr geliebtes Tier ja doch schon bald wiedersehen...

*

Oliver und Henry aber lebten bei Antonio und hatten ein paar schöne Tage. Nachdem er seine Geschichte erzählt hatte, hatte Antonio auch nichts dagegen, dass Oliver blieb und mit in die nächste Stadt zog - in die Stadt, in der Laura wohnte. Denn Arpad war weit gelaufen, bis er Oliver begegnet war. Aber das wussten weder Oliver noch Laura.

Lauras Eltern glaubten, sie etwas aufheitern zu können, wenn sie mit ihr in den Zirkus gingen. Immerhin war es nun schon über acht Tage her, dass Arpad verschwunden war - und auch mehrere Hinweise, die auf die Zeitungsanzeige hin gegeben worden waren, hatten letztlich keine heiße Spur ergeben.

Im Grunde hatte Laura gar nicht mitgehen wollen in den Zirkus, sie war eigentlich viel zu traurig dazu, wie sie meinte. Als sie dann aber “Brian & Henry“ auftreten sah, war sie plötzlich hellwach. Denn natürlich hatte sie sofort erkannt, daß es nicht “Henry“, sondern “Arpad“ war, der da in der Manege sein Kunststückchen vorführte.
“Papi, Papi - das ist Arpad!“ rief sie laut und stürzte hinunter in die kleine Manege.

Arpad hatte in dem kleinen Mädchen, das da auf ihn zustürmte, natürlich auch gleich Laura erkannt und lief ihr schwanzwedelnd entgegen. “Henry, bleib doch hier!“ rief ihm Oliver hinterher, aber zunächst gab es eine wilde und stürmische Begrüßung zwischen Laura und Arpad. Dann aber löste sich das Tier von dem Mädchen, lief auf Oliver zu, dann wieder zu Laura - und das wiederholte der Hund einige Male, bis beide Kinder zusammenstanden und ihn gemeinsam mit ihren Armen umfingen und liebkosten.
Schnell hatte sich dann aufgeklärt, dass Henry Arpad war und wie er zu Oliver gefunden hatte. Antonio hatte Lauras Eltern auch erzählt, was er von Oliver und seinem bisherigen Leben wusste.

An diesem Abend aber trennten sich Olivers und Arpad-Henrys Wege zunächst wieder. Oliver wurde - nachdem Laura ihm hoch und heilig versprochen hatte, ihn auf jeden Fall mit Arpad besuchen zu kommen - wieder ins Heim zurückgebracht.

Zu Hause angekommen spielte Laura erst einmal ausgiebig mit ihrem wiedergefundenen großen kuscheligen Freund. Später dann
- sie hatte Oliver und seine Art nämlich schon ein wenig liebgewonnen - fragte sie ihre Eltern, ob Oliver denn nicht mit bei ihnen wohnen und mit ihnen leben könnte. Diese hatten sich insgeheim jeder für sich schon ähnliche Gedanken gemacht, zumal Oliver ein Junge zu sein schien, wie sie sich schon immer einen gewünscht hatten, Laura sprach also nur aus, was sie sich auch schon gedacht hatten.

Lauras Vater klärte am nächsten Tag mit der Heimleitung und dem Jugendamt alle Formalitäten - da sie ja viel Platz zur Verfügung hatten und noch eine junge Familie waren, waren bald alle Schwierigkeiten ausgeräumt, zumal beide Kinder ja im gleichen Alter waren und das Abenteuer mit Arpad gemeinsam hatten.

Und so konnten sie Oliver, als sie ihre Ankündigung, ihn zu besuchen, wahrmachten, auch gleich die freudige Botschaft überbringen, dass er nicht im Heim zu bleiben brauchte, sondern mit ihnen kommen konnte - wenn er wollte.

Oliver riss ungläubig seine Augen ganz weit auf und konnte erst kein Wort über seine Lippen bringen -
dann stürmte er mit einem lauten “Jippijueh“ gemeinsam mit Arpad und Laura hinaus und in den Garten des ungeliebten Heimes.

Dort fielen sich dann alle freudestrahlend in die Arme, Arpad inbegriffen. Oliver hatte eine neue Familie gefunden.








Das Schneeglöckchen
(Frühlingsgefühle)


Es war an einem leicht nebligen Vormittag etwa Anfang Februar. Der Kalender sagte weit und breit noch nichts von Frühling, aber in den letzten Tagen war es vergleichsweise milde gewesen. Die dünne Schneedecke war daher stellenweise schon geschmolzen und hatte dem noch etwas wässrigen Grün der Natur unter sich Platz gemacht. Der Tag wusste noch nicht so recht, ob er schön werden oder doch lieber noch die Nebelgardinen vorgezogen lassen wollte. Schließlich entschloss er sich aber doch, den Vorhang etwas beiseite zu ziehen. So konnte die Sonne ein wenig erahnen lassen, dass auch der eigentliche Frühlingsbeginn nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen würde.

Durch die milden Temperaturen und immer wieder mal auftretenden Sonnenstrahlen der letzten Tage hervorgelockt konnte ein suchendes Auge auch schon den ersten, noch jungen Trieb eines kleinen Schneeglöckchens entdecken. Dieser begann, sich auf einer vom Schnee ausgesparten Stelle – gleichsam wie auf einer Insel – etwas vom wässrigen Grün der Pflanzenwelt um sich herum abzusetzen. Er blinzelte aber noch in die noch nicht allzu kräftigen Strahlen der Sonne hinein, da er noch nicht so recht an einen beginnenden Frühling glauben wollte. Und doch wusste er, dass die sich immer häufiger durchsetzenden Sonnenstrahlen bereits ausreichten, ihn mit genügend Wärme zu versorgen, damit er wachsen konnte. Manchmal zögerte er doch noch, aber selbst wenn der Nebelvorhang die Sonne immer wieder mal ganz abzuschirmen, ja auszuschließen schien, wusste er doch sehr genau, dass sie auch dann da war und die Erde wärmte, und dass sie sich nun immer häufiger und kräftiger durchsetzen würde.
Auch wenn es der erste Frühling war, den er erlebte, war er sich doch sicher, dass er auf diese Anzeichen vertrauen durfte. Sein Gefühl verriet ihm, dass er und seine Artgenossen die Vorboten des Frühlings waren, auf die ihrerseits alle anderen Pflanzen, Tiere und auch die Menschen achteten. Sie nahmen sein Erscheinen als Zeichen dafür, dass ihre eigenen Frühlingsgefühle ihre Berechtigung hatten.
Und dann war er sehr stolz darauf, dass gerade die Schneeglöckchen eine so wichtige Aufgabe zu erfüllen hatten.

Daher strengte sich das kleine Schneeglöckchen auch an, ganz besonders schnell zu wachsen, um der ganzen Welt die frohe Botschaft zu verkünden:
„Es wird Frühling!“
Seine Stimme konnten zwar nur seine Artgenossen und einige wenige andere Pflanzen wirklich hören und verstehen, aber durch dieses lautstarke Verkünden gedieh es noch besser und vor allem das Grün seiner Blättchen wurde noch kräftiger. So konnten auch Lebewesen, die seine Sprache nicht verstanden, daran seine Lebensfreude und die frohe Frühlingsbotschaft ablesen. Es richtete sich so sehr nach der Sonne aus, dass mittlerweile nicht nur ein suchendes Auge das Schneeglöckchen als Vorboten des Frühlings entdecken konnte.

Das aber wurde ihm auch zum Verhängnis –
wenn es ein Verhängnis ist, als Zeichen des Frühlings, des neuen Beginns, von Herz zu Herz verschenkt zu werden. Denn ein junger Mensch entdeckte es, wie es da so schön vor sich hin blühte, brach es und nahm es mit nach Hause. Dort schenkte er es einem ihm sehr nahe stehenden anderen Menschen, ihm seine innigen Gefühle kund zu tun, die er für ihn empfand. Er überreichte es ihm als Zeichen dafür, dass beide getrost an den Frühling, den Neubeginn glauben durften; und dass sie zuversichtlich sein konnten, auf ihre Gefühle für einander vertrauen zu können.

Zunächst war das Schneeglöckchen natürlich sehr traurig, als es gebrochen wurde. Als es dann aber sah, zu welchem Zweck es aus seiner natürlichen Umgebung herausgerissen worden war, da wurde es wieder sehr froh. Als normales Schneeglöckchen wäre es schlicht wieder verblüht, niemand hätte sich mehr seiner erinnert – so aber fühlte es sich besonders geehrt und hervorgehoben, weil es so eine besondere Botschaft zu überbringen hatte. Auf diese Weise konnte es zudem einer bleibenden Erinnerung sicher sein.

Es stand seiner Ansicht nach auch außer Zweifel, dass es zu diesem Zweck bestimmt gewesen war – denn als es gepflückt wurde, da hatte sich die Sonne keineswegs verfinstert, sondern im Gegenteil noch viel kräftiger, wärmender und strahlender geschienen.

Und diese Gewissheit machte es sehr glücklich.


*******************************************


GOLDENER WESTEN
oder
Wie passe ich mich veränderten Lebensumständen an?

Sabrina K. ließ den Motor laufen und stieg aus. Sie verband mit gezielten Handgriffen den vorbereiteten Schlauch mit dem Auspuff ihres Wagens und leitete das andere Ende ins Wageninnere. Erleichtert ließ sie sich auf den Sitz fallen und zog die Tür zu. Die Fenster waren wegen der Kälte in diesen Februartagen ohnehin geschlossen, die Heizung stand auf der höchsten Stufe und das Radio spielte.

Bewusst hatte sie das Hafengebiet ihrer neuen Heimatstadt angesteuert, um möglichst ungestört ihr Vorhaben verwirklichen zu können. Nun brauchte sie nur noch darauf zu warten, dass ihre Sinne benebelt wurden.
Ihre Gedanken glitten in jene Zeit zurück, in der alles seinen Anfang genommen hatte. Mit welch großer Erleichterung, gemischt mit ungläubigem Staunen, hatte sie damals gehört, die Mauer sei offen! Sogleich war sie losgefahren, um sich selbst davon zu überzeugen. Schon lange, bevor sie das Unglaubliche mit eigenen Augen sehen konnte, begegneten ihr viele jubelnde und winkende Menschen, die alle in die gleiche Richtung strömten, in die sie wollte. Trabis, Ladas, Wartburgs, so weit das Auge reichte. So etwas hatte sie in ihrem ganzen Leben bis dahin noch nie gesehen!
Sie fuhr wirklich ungehindert durch den “Schutzwall gegen den imperialistischen Westen”, was ihr richtig unheimlich vorkam. Vom freien Teil der Stadt kamen ihr viele, viele Menschen entgegen, die ebenfalls vor Freude winkten, jubelten, an die Scheiben ihres alten Wartburg klopften und Sektflaschen in den Händen schwenkten. Einige boten ihr sogar an, einen Schluck mit ihnen zu trinken! Es war ein unbeschreibliches Erlebnis gewesen!
Die Bilder, die später im Fernsehen und in den Zeitungen zu sehen waren, konnten die Atmosphäre gar nicht so einfangen, wie Sabrina sie damals empfand.

Plötzlich wurde dann vieles möglich, was vordem unmöglich schien. Es waren ja nicht nur die berühmten Bananen, die man jetzt in beliebiger Menge kaufen konnte. Allein schon die Freiheit, hinfahren zu können, wohin man wollte, kam ihr noch lange Monate, sogar Jahre später nicht wirklich vor, eher wie ein schöner Traum.

Sie wusste zwar noch, wie sie der erste Anblick des Riesenangebots in einem Supermarkt “im Westen” geradezu erschlagen hatte. So sehr, dass sie gleich wieder aus dem Geschäft herausgestürzt war. Sie konnte all das Neue gar nicht richtig verkraften. Aber dennoch siedelte sie recht bald nach Köln über, allein schon aus Neugier, weil sie diese Stadt schon immer hatte kennenlernen wollen.

Hier war dieses Erschlagen- Sein vom ersten Anblick des ungewohnt großen Angebots geradezu in einen Kaufrausch umgeschlagen. Dieser führte auch dazu, dass sie sich von ihrem alten Wartburg trennte und den kleinen flotten und mit vielen Extras ausgestatteten Japaner kaufte . In diesem saß sie nun und wartete darauf, dass der zum Alptraum gewordene Traum endlich verging.

So langsam wurde sie schon müder. Sie legte sich quer über die Vordersitze und schweifte wieder in die Vergangenheit zurück, während sie schon begann vor sich hinzudämmern. Zu spät hatte sie gemerkt, dass der “Goldene Westen” gar nicht so golden war. Daher hatte sie die Kontrolle über ihre finanzielle Situation verloren und schon mehrfach den Gerichtsvollzieher in ihre Wohnung lassen müssen.

Gestern hatte sie zudem überraschend ihren Job verloren – und das in ihrer finanziellen Situation! Als ihr dann vorhin auch noch ihr langjähriger Freund, mit dem gemeinsam sie nach Köln gezogen war, beichtete, dass er schon seit Monaten eine Freundin hatte, zu der er nun ziehen wollte, da wurde ihr gänzlich der Boden unter den Füßen entzogen.
Diesem ausgeträumten Traum, diesem einmal als golden erschienenen Leben wollte sie nun ein Ende setzen. Das schien Sabrina der einzig mögliche Ausweg.
Wäre die Mauer nicht geöffnet worden, hätte sie weiterhin träumen können, so dachte sie nun in ihrer Verzweiflung. Vielleicht wäre ihre Beziehung ja auch so in die Brüche gegangen, aber sie hätte nicht so leicht wie hier ihren Job verloren und zumindest weiterhin ihr Auskommen gehabt. Wenn auch mit Einschränkungen – von denen sie aber nicht die Hälfte gekannt hätte.

Während Sabrina nach und nach die Musik schon nicht mehr richtig wahrnahm, näherten sich aufgeregte Schritte ihrem Wagen: Ein zufällig in diese Gegend verschlagener Mann sah das Auto, das hier so gar nicht hinpasste. Er dachte er sich gleich, was da vorging, als er den laufenden Motor hörte. Schnell riss er als den Schlauch vom Auspuff. Verzweifelt versuchte er, die von innen verriegelte Tür aufzubekommen. Als dies nicht gelang, wickelte er kurzerhand seine Faust in die rasch ausgezogene Jacke und schlug damit das Fenster der Fahrertür ein. Vorsorglich hatte er zuvor schon von seinem Auto aus mit seinem Handy Polizei und Feuerwehr gerufen. Es war doch gut, dass er immer eines bei sich hatte, seit er selbst einmal in einer Notsituation gewesen war! Gerade, als er die bewusstlose Frau aus dem Auto zerrte, hallten die Sirenen der Retter durch das Hafenviertel.

Als Sabrina erwachte, fand sie sich erstaunt in einem Krankenzimmer wieder. An ihrem Bett saß Rolf, wie er sich bald vorstellte, und man konnte an seinen Augen ablesen, wie sehr er sich freute, dass Sabrina über dem Berg war....







UNVERHOFFT

KOMMT

OFT


Seit kurzem bei weitem die Hauptattraktion der ganzen Gegend war die alte Mühle vor den Toren der Stadt, die in monatelanger, mühevoller Kleinarbeit zunächst naturgetreu nach alten Skizzen renoviert und dann zu einem stilechten Restaurant um- und ausgebaut worden war.
Sie war eine massive alte Mühle, deren Entstehungszeit wohl in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges liegen mochte.

Auch Jan und Sebastian, zwei manchmal etwas vorlaute Studenten, hörten von ihr und beschlossen, ihr doch einmal einen Besuch abzustatten. Also setzten sie sich in ihren Wagen und alsbald sahen sie schon von weitem die ausladenden Flügel des neuen Wahrzeichens der Stadt.
Sie stiegen aus, gingen hinein und wünschten die Speisekarte -
durchaus nicht ohne die gemütliche Atmosphäre gebührend bewundert zu haben, bevor sie sich auf den schweren Eichenstühlen niederließen.

Als der Wirt - ebenfalls stilecht in der zünftigen Kleidung eines Müllers aus dem 17. Jahrhundert - ihnen die Karte brachte, schlugen sie sie auf und stellten verwundert fest, dass diese im Grunde nur aus den verschiedensten Brotsorten (von Roggen über Weizen bis hin zum französischen Baguette) auf der einen Seite und andererseits aus den entsprechenden Weiß- und Rotweinen mehrerer Jahrgänge aus verschiedenen Anbaugebieten bestand.

“Sind wir denn hier in der Kirche?” konnte Jan nicht umhin, den
Wirt zu frozzeln.
“Nein, in der Kirche sind Sie hier nicht”, entgegnete dieser freundlich lächelnd. “Aber in einer Mühle aus dem Dreißigjährigen Krieg.
Passen Sie einmal auf - ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen”, fuhr er fort und zog sich einen dritten Stuhl an den massiven Tisch der beiden jungen Leute; auf diesem nahm er dann breitbeinig Platz, nachdem er ihn so gedreht hatte, dass sich dessen Lehne nun zwischen ihm und seinen Gesprächspartnern befand.

“Also - es war einmal ein junger Reiter, der war etwa genauso alt
wie Sie jetzt sind. Die Zeiten - es war gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges - waren gar schlecht. Der Krieg hatte das gesamte Land verwüstet, viele Menschen waren getötet oder auch obdachlos geworden.
Dieser junge Mann - nennen wir ihn einmal Felix -, also Felix stand in Diensten eines der beiden hauptsächlich miteinander befehdeten Kriegsherren. Sein König nun kam zu der Einsicht, dass allmählich genug Blut vergossen worden sei und dass schon mehr als genug Menschen ob des schlimmen Krieges darben mussten.
Also setzte er sich mit seinen engsten Beratern zusammen und
stellte gemeinsam mit ihnen einige Bedingungen auf, unter denen
er sich bereiterklären würde, einen Waffenstillstand mit seinem
Kontrahenten zu schließen. Er wollte dabei auch durchaus mit sich reden lassen und nicht unbedingt halsstarrig auf seinem Standpunkt beharren.

Diese Bedingungen nun wurden vom Hofschreiber fein säuberlich
auf ein Stück Pergament gesetzt und mit dem königlichen Siegel
versehen. Alsdann stellte sich die Frage, wie diese Botschaft nun an den gegnerischen Hof gelangen sollte. -
Denn die Zeiten damals waren freilich mit den heutigen nicht zu
vergleichen”, fuhr der Wirt fort, nachdem er eine kleine Kunstpause eingelegt hatte. “Es gab weder die Post in dem Sinne noch waren bereits Telefon oder Telegraf erfunden - auch so schnittige Sportwagen wie den Ihren da draußen kannte man damals noch nicht.
Es blieb also nur übrig, einen der königlichen Offiziere mit diesem
Botendienst zu betrauen. Und die Wahl fiel dann schließlich auf
unseren Felix, der ungeheuer stolz darauf war, dass ausgerechnet er diese ehrenvolle Aufgabe übertragen bekommen hatte.

Er erhielt das beste Pferd im Stall - es war sogar eines der Privatpferde des Königs - und machte sich eines schönen Morgens auf den weiten Weg.
Felix wusste wohl, dass ihn allein ein Weg etwa vier bis fünf Tage
auf dem Pferderücken halten würde, aber er nahm diese Mühsal
frischen Mutes auf sich - immerhin ging es um Leben und Tod von
vielen unschuldigen Menschen.

Zwar hatte er reichlich Proviant mitbekommen, doch nachdem er zwei Tage und zwei Nächte fast ununterbrochen durchgeritten
war, war dieser alsbald aufgebraucht. Auch sein Pferd hatte eine
Rast dringend nötig, bei der es wieder mit Wasser und frischem
Hafer versorgt werden konnte.
Immerhin gelang es Felix noch, den gesamten dritten Tag durch
zu reiten, dann aber waren die Kräfte von Pferd und Reiter nahezu gänzlich aufgezehrt.

Wie froh und dankbar war er dann, als er in der Ferne am Horizont die großen Flügel einer Windmühle entdeckte, die sich im lichten Schein der Abendsonne langsam im Wind drehten!
Er sprach seinem treuen Gefährten und auch sich selbst Mut zu,
doch noch ein wenig länger durchzuhalten, dann war er endlich
bei der Mühle angelangt und fiel geradezu vom Pferd - unmittelbar vor die Füße des Müllers, der den nahenden Hufschlag wohl schon von weitem vernommen hatte.

Dieser erkannte in Felix einen Soldaten des gegnerischen Heeres - Felix war nämlich schon auf fremdes Gebiet gelangt - und sorgte
sich zunächst, welche Botschaft dieser wohl bringe. Denn dass
Felix wohl eine Mission zu erfüllen hatte, war unschwer daran zu erkennen, dass er alleine gekommen und auch nicht bewaffnet
war.
Felix aber konnte zunächst kaum ein Wort herausbringen, abgesehen von: “Hunger” und “Durst” - dann fiel er schon beinahe in Ohnmacht, geschwächt wie er war.

Der Müller nahm Felix auf seine Arme, trug ihn in die Stube und
legte ihn auf sein Bett. Er hieß seine Frau, etwas Brot herbei zu
schaffen, und flößte unserem Felix nach und nach einen Becher
voll Wein ein.
Nachdem unser Freund wenigstens soweit wieder hergestellt war, dass er sich an den Tisch setzen und etwas von dem ihm vorgesetzten Brot zu sich nehmen konnte, galt seine erste Frage dem Befinden seines Pferdes.
Doch der Müller beruhigte ihn damit, dass es wohl versorgt in seinem Stall stehe - Pferd und Reiter sollten sich aber zunächst einmal die dringend erforderliche Ruhepause gönnen.

Felix aber antwortete dem hilfsbereiten Müller darauf nur, dass
er sich für das freundliche Angebot und die herzliche Aufnahme
ganz herzlich bedanke, dass er aber früh am nächsten Morgen
schon weiterreiten müsse, da er eine wichtige Botschaft zu überbringen habe.
Der Müller drang nun nicht weiter in unseren Freund, ahnte wohl
auch, dass diese Botschaft - auch für ihn selbst - wirklich wichtig
war, und ließ Felix am nächsten Morgen in Gottes Namen reichlich mit neuem Proviant versehen weiterziehen.

Unser Felix gelangte dann auch wirklich unbeschadet an den gegnerischen Königshof und überbrachte die so wichtige Botschaft seines Herrn, mit der er im übrigen auf offene Ohren stieß; denn auch dort hatte man sich bereits ähnliche Gedanken gemacht, war nur noch nicht so weit gediehen, selbst einen Boten über Land zu schicken.

Nun - was meint ihr wohl, was geschehen wäre, wäre dieser Felix nicht auf den freundlichen Müller gestoßen, der ihm mit so einfachen Gaben wie Brot und Wein neue Kräfte eingeflößt hat?!”

Mit diesen Worten stand der Wirt auf und überließ unsere beiden
verdutzten Helden ihren eigenen Gedanken.
Jan und Sebastian aber bestellten sich etwas später etwas Brot
und auch ihren Lieblingswein, den sie zufällig auf der Karte entdeckt hatten.
Nun konnten sie die Atmosphäre um sich herum erst wirklich
genießen und auskosten.
Und der Vergleich mit der Kirche kam ihnen nicht mehr ketzerisch
in den Sinn - auch wenn sie ihn auch vordem eigentlich nur im
Spaß gezogen hatten, ohne sich dabei über dessen Wahrheitsgehalt wohl wirklich im Klaren gewesen zu sein.......


E N D E ?












Bearbeitet zuletzt am 26.05.2005



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